EUROPÄISCHE KOMMISSION
Generaldirektion Bildung und Kultur
Lebenslanges Lernen: Politik der allgemeinen und beruflichen Bildung
Berufs- und Erwachsenenbildung
Brüssel, 28. Juni 2005
EUROPÄISCHES LEISTUNGSPUNKTESYSTEM FÜR
DIE BERUFSBILDUNG
TECHNISCHE SPEZIFIKATIONEN
FUNKTIONEN DES ECVET-SYSTEMS
Das ECVET-System hat zwei generische Funktionen, die gleichzeitig oder
getrennt genutzt werden können:
i) – Akkumulierung und Aktivierung:
Mit einem Leistungspunktesystem kann jede Person während ihres
gesamten individuellen Lernpfades ihre Lernergebnisse akkumulieren,
aktivieren, übertragen und vorlegen, um deren Anerkennung und Validierung
zu beantragen. Zu diesem Zweck wird die Anerkennung der im Laufe des
Lernpfades absolvierten Einheiten validiert, gespeichert, akkumuliert
und kann schrittweise vervollständigt werden, bis die Qualifikation
(das Zeugnis, Diplom …) gemäß den geltenden Bestimmungen
und Prüfungsordnungen in den Mitgliedstaaten erreicht ist.
Auf europäischer Ebene bietet das ECVET-System einer Einzelperson
die Möglichkeit, ihre im Rahmen eines Mobilitätsprojektes
im Ausland absolvierten Lernergebnisse zu akkumulieren.
ii) – Anrechnung:
Ein Leistungspunktesystem erlaubt es, die Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit
von Lernvorhaben, die in unterschiedlichen Kontexten und zu unterschiedlichen
Zeiten durchgeführt werden, festzustellen. Dies bedeutet z. B.,
dass Ausbildungsprogramme austauschbar sind oder einander ersetzen können
und dass validierte Lernergebnisse eine Person von der Absolvierung
eines kompletten Teiles eines Ausbildungsprogramms etc. befreien können.
Das ECVET-System gibt Einzelpersonen die Möglichkeit, Lernvorhaben
in unterschiedlichen Kontexten und zu unterschiedlichen Zeiten durchzuführen.
Sie können ihre erreichten Lernergebnisse durch zuerkannte Leistungspunkte
voranbringen und von einem Ausbildungskontext in einen anderen, falls
vereinbart, von einem Berufsbildungssystem in ein anderes (z. B. von
einem nicht formalen Kontext in einen formalen usw.) wechseln. Gleichzeitig
können sie die erreichten Lernergebnisse für die Akkumulierung
mitnehmen, bis sie die Qualifikation (das Zeugnis, Diplom ...) erreicht
haben, vor allem, wenn es um transnationale Mobilität geht.
VORZÜGE DES LEISTUNGSPUNKTESYSTEMS
Jedes Akkumulierungs- und Anrechnungssystem für Leistungspunkte
nützt aufgrund seiner methodischen Logik, seiner Anforderungen
und über seinen unmittelbaren Zweck hinaus den einzelnen Lernenden,
den Qualifikations-/Zertifizierungssystemen, den Berufsbildungssystemen
und –anbietern sowie den Sektoren und Unternehmen. Das ECVET-System
fördert und vereinfacht den Aufbau von Leistungspunktesystemen
auf nationaler Ebene und sorgt gleichzeitig für den Mehrwert eines
Systems, das auf europäischer Ebene eingeführt undweiterentwickelt
werden soll.
i) – Für die/den Einzelnen
Ein Leistungspunktesystem gibt der/dem Einzelnen die Möglichkeit,
sich ein Berufsdiplom, -zeugnis oder eine Qualifikation in einzelnen
Schritten und gemäß den nationalen Bestimmungen zu erarbeiten.
Einzelpersonen (junge Lernende, Erwachsene, Arbeitsuchende…) können
also Einheiten in dem für sie am besten geeigneten Tempo/Rhythmus
absolvieren. Dadurch sind Qualifikationen besser zugänglich, das
System wirkt als Motivationsfaktor und macht der/dem Einzelnen Mut,
ihre/seine Bemühungen fortzusetzen und den Lernpfad bis zum Ende
zu verfolgen. Die Menschen können ihr persönliches Ausbildungsprojekt
und ihren persönlichen Ausbildungsweg planen und ihr berufliches
Profil unter dem Blickwinkel des lebenslangen Lernens differenzierter
gestalten.
Auf europäischer Ebene bewirkt das ECVET-System, dass transnationale
Mobilitätsabschnitte für die/den Einzelne/n keinerlei Nachteile
haben.
ii) – Für Qualifikationssysteme
Ein auf Einheiten aufgebautes Leistungspunktesystem erleichtert die
Verständlichkeit und die Vergleichbarkeit von Kenntnissen, Fertigkeiten
und Kompetenzen, die eine Qualifikation ausmachen. Es hilft den für
die Planung und Umsetzung von Qualifikationen zuständigen Behörden,
Einrichtungen und Berufsbildungsanbieter/innen, die Qualifikationen
unter dem Aspekt besserer Verständlichkeit und größerer
Transparenz zu konzipieren, zu organisieren und entsprechende Informationsarbeit
zu leisten.
Ein Leistungspunktesystem trägt daher zur Verbesserung der Qualität
von Validierungsprozessen und im Speziellen der Validierung im Berufsbildungsbereich
bei. Ein derartiges System stärkt die Verbindung zwischen dem Qualifikationssystem
und dem Arbeitsmarkt. Darüber hinaus ermöglicht es die Evaluierung
und Validierung nicht formaler Lernergebnisse.
iii) – Für Berufsbildungsanbieter/innen
Die Einführung eines Leistungspunktesystems bewirkt, dass Berufsbildungsanbieter/innen
klare und genaue Lernziele definieren, und ist daher eine Hilfe bei
der Planung eines attraktiveren und relevanteren Berufsbildungsangebotes
(Programme, Inhalte, Organisation…). Ein Leistungspunktesystem
unterstützt die Anpassung des Berufsbildungsangebotes an die Lernenden,
die individuelle, auf sie zugeschnittene und flexible Wege beschreiten
(z. B. in Form von Ausbildungsmodulen) und innovative Programme absolvieren.
Auf europäischer Ebene hilft das ECVET-System den relevanten Anbieterinnen
und Anbietern:
– ihr Ausbildungsangebot zu kommunizieren,
– auf internationaler Ebene zusammenzuarbeiten,
– die Mobilitätsvorhaben einzelner Lernender zu verwalten,
zu planen und zu organisieren,
– das Betreuungsangebot für mobile Lernende zu konzipieren
und umzusetzen.
iv) – Für Sektoren und Unternehmen
Ein Leistungspunktesystem macht das Berufsbildungsangebot für
die Wirtschaftsakteure (Sozialpartner, Unternehmen, Branchen, Sektoren...)
transparenter, fördert Interaktion und Partnerschaften. Es gibt
Unternehmen die Möglichkeit, Ausbildungskurse und -module auszuwählen
und zusammenzustellen, die den Bildungsbedürfnissen ihrer Angestellten
entsprechen. Ein Leistungspunktesystem macht es leichter, die von Sektoren
und Unternehmen nachgefragten Fähigkeiten und Kompetenzen mit der
Konzeption von Qualifikationen oder Berufsbildungsangeboten zur Deckung
zu bringen. Es kann die Entwicklung von Weiterbildung für Erwachsene
auf Sektor- und Unternehmensebene unterstützen.
Auf europäischer Ebene bewirkt das ECVET-System, dass das Berufsbildungsangebot
in anderen EU-Mitgliedstaaten für Arbeitgeber/innen und Unternehmen
transparenter wird. Es erlaubt ihnen, aufgrund der absolvierten Einheiten
und der vergebenen Leistungspunkte, die im betreffenden Lernfeld erzielten
Lernergebnisse anderer EU-Mitgliedstaaten zu verstehen.